Corona-Krise

Fachliche Hinweise zu den mit dem Ausbruch des Coronavirus (COVID-19) verbundenen Auswirkungen auf die Abschlussprüfung

Mag. Elisabeth Spohn

Am 3. 4. 2020 hat das Präsidium der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Fachliche Hinweise zu den mit dem Ausbruch des Coronavirus (COVID-19) verbundenen Auswirkungen auf die Abschlussprüfung beschlossen. Diese Hinweise sind als Empfehlung einer Expertengruppe zum Wissensstand per 3. 4. 2020 zu verstehen und stellen kein Fachgutachten des Fachsenats für Unternehmensrecht und Revision dar.1 Die Fachlichen Hinweise befassen sich mit verschiedenen Einzelfragen und geben Hinweise zu prüferischen und praktisch-organisatorischen Fragestellungen.

1.Keine Abstriche bei der Prüfungsqualität

COVID-19 kann erhebliche Konsequenzen für den Prozess der Abschlussprüfung einschließlich der Kommunikations- und Berichtspflichten haben. Reise- und andere Einschränkungen werden den Abschlussprüfer vielfach vor die Herausforderung stellen, ausreichende geeignete Prüfungsnachweise zu erlangen. Die Fachlichen Hinweise stellen klar, dass der Abschlussprüfer ungeachtet aller Schwierigkeiten ein unverändert hohes Niveau an Prüfungsqualität und Prüfungssicherheit sicherzustellen hat. Ein Bestätigungsvermerk darf nur erteilt werden, wenn die Prüfung abgeschlossen ist und ausreichende geeignete Prüfungsnachweise erlangt wurden.2

2.Umfangreiche Kommunikationserfordernisse

Um die Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit und damit ggf auf den Abschluss sowie den Lagebericht beurteilen zu können, sollte der Abschlussprüfer mit den gesetzlichen Vertretern möglichst kurzfristig die Auswirkungen von COVID-19 auf das Unternehmen sowie die dazu von den gesetzlichen Vertretern getroffenen bzw geplanten Maßnahmen erörtern. Gerade aufgrund der uU hohen Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus müssen eine Beurteilung der Auswirkungen durch die gesetzlichen Vertreter und Prüfungshandlungen durch den Abschlussprüfer möglichst zeitnah zum Datum des Bestätigungsvermerks erfolgen.

Sollten nach der Beurteilung des Abschlussprüfers aufgrund der Auswirkungen von COVID-19 der Bestand des geprüften Unternehmens gefährdet oder seine Entwicklung wesentlich beeinträchtigt sein, hat der Abschlussprüfer auf seine Verpflichtung zur unverzüglichen Berichterstattung gem § 273 Abs 2 UGB zu achten. Außerdem ergibt sich eine Verpflichtung zur Kommunikation, wenn Auswirkungen auf den Bestätigungsvermerk zu erwarten sind.

3.Beurteilung der Fortführung der Unternehmenstätigkeit

Haben die Auswirkungen von COVID-19 zu Ereignissen oder Gegebenheiten geführt, die bedeutsame Zweifel an der Fähigkeit des Unternehmens zur Fortführung der Unternehmenstätigkeit (Going Concern) aufwerfen können, sind zusätzliche Prüfungshandlungen erforderlich, um die von den gesetzlichen Vertretern vorgenommene Einschätzung der Fähigkeit zur Unternehmensfortführung bzw das Vorliegen eines bestandsgefährdenden Risikos und der Angemessenheit diesbezüglicher Angaben im Abschluss und Lagebericht zu beurteilen Die Fachlichen Hinweise enthalten eine Aufzählung der in ISA 570.16 dafür vorgesehenen Prüfungshandlungen.3

4.Möglichkeit einer Off-site-Prüfung

Verschiedene Umstände wie Zugangsbeschränkungen zu Betriebsgeländen oder Homeoffice im Rechnungswesen des Unternehmens oder beim Abschlussprüfer können dazu führen, dass der Abschlussprüfer daran gehindert ist, eine Vor-Ort-Prüfung durchzuführen. Grundsätzlich ist eine Prüfung ohne physische Anwesenheit des Prüfungsteams während der gesamten Prüfungsdurchführung ("reine" Off-site-Prüfung) möglich und auch zulässig. Voraussetzung ist eine gute Vorbereitung und die rechtzeitige Abstimmung mit dem geprüften Unternehmen, um die technischen und organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen.

5.Herausforderungen iZm Inventurbeobachtungen

In Fällen, in denen nachweislich eine Teilnahme des Abschlussprüfers an der Inventur praktisch nicht durchführbar ist, können alternative Prüfungshandlungen ausreichende geeignete Prüfungsnachweise über Vorhandensein und Beschaffenheit der Vorräte liefern (vgl ISA 501.6-7).4 So können bspw die Einsichtnahme in die Dokumentation über den späteren Verkauf bestimmter Vorratsposten, die vor der Inventur erworben wurden, oder die Durchführung einer eigenen, nachgelagerten Bestandsprüfung zu einem späteren Zeitpunkt mit entsprechender Rückrechnung geeignete alternative Prüfungshandlungen darstellen. Ob eine Teilnahme via Video-Übertragung eine geeignete Methode darstellt, ist im Einzelfall zu beurteilen. Dabei sind die Art der Vorräte und der Nachweis, dass die Videoübertragung tatsächlich vom richtigen Lager erfolgt, zu berücksichtigen.

Die Durchführung geeigneter alternativer Prüfungshandlungen muss jedenfalls den gleichen Grad an Prüfungssicherheit bringen wie die Teilnahme an der Inventur.

6.Auswirkungen auf den Bestätigungsvermerk

Auswirkungen auf den Bestätigungsvermerk können sich aus diversen Gründen ergeben, zB wenn die Darstellungen im Anhang und/oder Lagebericht nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprechen oder fehlen, wenn der Abschlussprüfer nicht in der Lage ist, ausreichende Prüfungsnachweise zu erlangen, wenn der Abschluss unter der Going Concern-Prämisse aufgestellt wurde, aber wesentliche Unsicherheiten in Bezug auf die Unternehmensfortführung vorliegen, oder wenn die von den gesetzlichen Vertretern angewendete Going Concern-Prämisse nach Beurteilung des Abschlussprüfers nicht mehr aufrechterhalten werden kann.

Die Auswirkungen auf den Bestätigungsvermerk (Modifikation, Ergänzung, Berücksichtigung besonders wichtiger Prüfungssachverhalte) sind im Einzelfall zu beurteilen.

7.Pflichten nach Erteilung des Bestätigungsvermerks

Nach dem Datum der Erteilung des Bestätigungsvermerks ist der Abschlussprüfer grundsätzlich nicht verpflichtet, zu dem geprüften Abschluss und ggf Lagebericht weitere Prüfungshandlungen vorzunehmen.

Erhält der Abschlussprüfer allerdings nach Erteilung des Bestätigungsvermerks und vor der Teilnahme an der Sitzung zur Prüfung bzw Feststellung des Abschlusses durch den Aufsichtsrat Unterlagen und Informationen, die möglicherweise geeignet sind, die Redepflicht auszulösen, so hat er diesen nachzugehen und ggf gegenüber den Adressaten die Redepflicht auszuüben (KFS/PE 18 Rz 26). In Bezug auf COVID-19 ist somit in Fällen von Unternehmen, bei denen ein Aufsichtsrat eingerichtet ist, im Einzelfall zu prüfen, ob die Voraussetzungen dafür gegeben sind.

8.Weitere Hinweise und Hilfestellungen

Die Anzahl an Publikationen zu den Auswirkungen von COVID-19 auf die Rechnungslegung und Abschlussprüfung steigt stetig an. Einen guten Überblick über die Veröffentlichungen zu diesem Thema bietet Accountancy Europe auf ihrer Homepage in einer Spezialrubrik "Coronavirus resources for European accountants". Ua finden sich dort auch zwei vom IDW veröffentlichte Fachliche Hinweise zu diesem Thema.5

1

Fachliche Hinweise der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer zu den mit dem Ausbruch des Coronavirus (COVID-19) verbundenen Auswirkungen auf die Abschlussprüfung, beschlossen vom Präsidium der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer am 3. April 2020 (Fachliche Hinweise) Rz 1.


2

Fachliche Hinweise (3. 4. 2020) Rz 8.


3

Vgl ISA 570: Fortführung der Unternehmenstätigkeit Rz 16: Zusätzliche Prüfungshandlungen bei Feststellung von Ereignissen oder Gegebenheiten.


4

Vgl ISA 501: Prüfungsnachweise - Besondere Überlegungen zu ausgewählten Sachverhalten Rz 6-7.


5

Accountancy Europe, Coronavirus Resources for European Accountants, https://www.accountancyeurope.eu/professional-matters/covid-19-resources-for-european-accountants/(abgerufen am 7. 4. 2020).


Artikel-Nr.
RWZ digital exklusiv 2020/18

17.04.2020
Autor/in
Elisabeth Spohn

Mag. Elisabeth Spohn ist Partnerin der BDO Austria Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungs GmbH in Wien. Der Schwerpunkt der beruflichen Tätigkeit liegt in der Qualitätssicherung Abschlussprüfung. Sie ist Mitglied des Fachsenats für Unternehmensrecht der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer sowie der Qualitätsprüfungskommission.